Am Rand des Hauptschiffs, das noch verstellt ist mit Gerüsten, Maschinen, Material und widerhallt von Sägenkreischen, schlurfen hinter einer Absperrung in endloser Schlange Touristen vorbei und schauen durch die staubflimmernde Luft zur Decke hinauf, durch die "wie durch Baumkronen das Licht einfallen wird", wie Faulí erklärt. "Das hier wird ein Wald sein."

Die Bäume sind schlanke, sich in Gabeln öffnende, im Aufsteigen ihre Form verändernde Säulen, die höchsten messen 65 Meter. All diese Säulen sind neu, keine hat Gaudí errichtet, und seine Gipsmodelle wurden im Bürgerkrieg zerstört, als Anarchisten die Baustelle stürmten (bei dieser Gelegenheit verbrannten auch sämtliche Zeichnungen – erhalten ist nur, was schon irgendwo veröffentlicht war). Was blieb, waren Bruchstücke, ein Haufen Schutt in einer Werkstattecke. Als die Arbeit 1941 weiterging, bestand sie jahrelang nur darin, Gaudís Modelle wieder zusammenzusetzen, zu studieren, zu zeichnen. Faulí unterstreicht den Ertrag dieser Übung: "In gewisser Weise war die Zerstörung auch ein Glück. Sie zwang dazu, Gaudís Denkprozess zu folgen, seine Lösungen nicht zu kopieren, sondern zu verstehen, wie er zu ihnen gekommen war."

Später, als er uns das Lager zeigt, wo Regal an Regal noch unzählige Bruchstücke aufbewahrt werden, spricht der Architekt von der "Archäologie", die betrieben werden müsse, um weiterbauen zu können. Die wichtigsten Modelle sind restauriert und im Museum der Sagrada Família ausgestellt, doch noch immer werden Teile zusammengesetzt und analysiert, Versionen verglichen, in der benachbarten Gipswerkstatt neue Modelle gebaut. Das gigantische Puzzle ist noch lang nicht vollständig zusammengesetzt. Die entscheidenden Fortschritte in diesem Prozess hat die Computertechnik ermöglicht. Die Architekten verwenden 3-D-Zeichenprogramme aus Raumfahrtindustrie und Fahrzeugbau. Die Produktion der Säulen kontrolliert ein Roboter vom Bildschirm bis zur Säge.

Doch das Ergebnis lässt viele Experten erschaudern. Als mittelmäßige Imitation wurden die neuen Gebäudeteile bezeichnet, Monumentalkitsch, Spritzgebäck, katholische Kotze. Der renommierte Kunstkritiker Robert Hughes fällte das vernichtende Urteil "die Sagrada Família scheint mit ihrem Voranschreiten zu sterben". Schon Le Corbusier, Gropius, Dalí sprachen sich für einen Baustopp aus, und erst kürzlich forderte ein Manifest angesehener spanischer Kunstkenner und Architekten wieder, man möge Gaudís letztes Werk "großartig unvollendet" lassen.

Was sagt Jordi Faulí dazu? Als erste Antwort zeigt er mit ausgebreiteten Armen um sich. Das alles sollte es nicht geben? Wir stehen hoch oben auf dem Dach, rechts und links ragen die seltsam durchbrochenen Flaschentürme auf, wie Orgelpfeifen sollen diese Türme sein, durch die Öffnungen wird der Wind seine himmlischen Melodien pfeifen. Acht stehen schon, 18 sollen es werden: zwölf für die Apostel, vier für die Evangelisten, je einer für Maria und Jesus – alles an diesem Bau ist symbolbefrachtet, lesbar, eine Bibel der Armen wollte Gaudí in Stein schreiben. Vor uns sind Arbeiter mit den blattkelchartigen Lichtöffnungen einer riesigen Halbkugel beschäftigt, des Gewölbes genau über der Kirchenmitte. Im Juli soll die Decke geschlossen werden, 2026, zu Gaudís 100. Todestag, hätte man die Sagrada Família gern fertig. "Gaudí wollte, dass sie vollendet wird, und er wusste, er würde es nicht schaffen. Also bereitete er den Weiterbau vor: Er entschied sich, nur mithilfe der Geometrie zu bauen, fertigte von den wichtigsten Teilen detaillierte Modelle an. Das wissen viele Kritiker nicht."

Es störe ihn nicht, dass der Geschmack nachfolgender Architekten das Werk beeinflussen werde, vertraute Gaudí einem seiner Mitarbeiter an. "Aber wenn man ihn wirklich studiert" (Jordi Faulí, der seinen Doktor mit einer Arbeit über die Säulen und Gewölbe der Sagrada Família gemacht hat, lacht), "dann merkt man: Es ist nicht leicht, von Gaudís Vorgaben abzuweichen." Er lässt es klingen wie einen Scherz unter alten Vertrauten: Der Chef hat uns ganz schön am Bändel. Doch wie viel Interpretationsspielraum die heutigen Architekten tatsächlich haben, das ist natürlich selbst eine Sache der Interpretation, und jede entdeckte Gesetzmäßigkeit wird auch als Argument für die Legitimität des Weiterbaus verwendet: Wenn das Genie einen Code hinterlassen hat, was kann man dann falsch machen?

Unten dehnt sich wie ein grau schimmernder Flickenteppich Barcelona aus, die Stadt, deren Sünden der "Sühnetempel der Heiligen Familie" abgelten sollte, so die Idee des Bauwerks. Aus dem Gewölbe vor uns wird der zentrale Turm aufragen, 170 Meter hoch. Auch diese Zahl diktierte die Logik, eine Logik höherer Ordnung. 173 Meter misst Barcelonas Hausberg Montjuïc: Das Werk Gottes wollte Gaudí nicht übertrumpfen.

"Das hier wird ein Wald sein": Die steinernen Säulen im Hauptschiff erinnern an Baumstämme, deren Äste sich verzweigen und ein Blätterdach.

Barbara Baumgartner für das ADAC-Reisemagazin

Den kompletten Text und weitere Tipps zu Kunst und Architektur in Barcelona finden Sie im ADAC reisemagazin "Katalonien – Stadt, Land, Strand" oder unter www.adac.de/reisemagazin






 
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