Aus dem ADAC reisemagazin "Katalonien - Stadt, Land, Strand"

Für seine Schöpfung stellte er die Welt auf den Kopf. Ihm schwebten Höhlenräume vor, Säulen wie Baumstämme, Wellen schlagende Oberflächen. Mit Bleistift und Papier, mit konventionellen Plänen war das nicht zu erfassen. Also nahm der Architekt Antoni Gaudí, vom Großindustriellen Eusebi Güell beauftragt, für seine Fabrikkolonie vor den Toren Barcelonas eine Kirche zu entwerfen, Bindfaden und Schrotsäckchen und machte sich ans Basteln. Vom Grundriss ausgehend, hängte er Fäden an die Punkte, wo Säulen stehen sollten, verband sie mit neuen Fäden an der Stelle von Bögen und Balken, gab jedem Faden seine Last, knüpfte so in unendlicher Kleinarbeit ein Netz aus Kräften, das aussah wie ein kurioser, lumpiger Kronleuchter, aber ein Jahrhundert darauf "die originellste Strukturanalyse der Architekturgeschichte" genannt wurde.

Ein Duplikat des berühmten Fadenmodells ist im Gaudí Centre in Reus über einem Spiegel aufgehängt; so sieht man, was Gaudí auf den umgedrehten Fotos sah, die er als Vorlage benutzte: ein aus Fäden konstruiertes, ehrfurchtgebietend komplexes Bauwerk. Mit derlei Veranschaulichungen will das Gaudí Centre, ein 2007 eröffnetes Museum in Gaudís Geburtsort Reus, in den Kosmos eines Architekten einführen, der immens populär ist und doch ein großer Unbekannter, berühmt für Farbfantasien wie im Parc Güell, nicht für die strukturelle Revolution seiner Baukunst; der als genialer Fantast gilt, obwohl er selbst erklärte: "Ich berechne alles." Auch Zeitgenossen hätten Gaudí nicht begriffen, stellte ein Architektur-Historiker fest: Sie hätten nur nicht gewagt, ihm zu widersprechen.

Die Kirche für die Colònia Güell, die er so originell entwarf, wurde nie vollendet. Der Industriebaron Güell verstarb, und seinen Erben stand der Sinn nicht nach exzentrischen Projekten mit unkalkulierbaren Kosten (von Gaudí ist der Satz überliefert, einen Mann lerne man am besten kennen, indem man sein Geld ausgebe). Nur die fantastische Krypta ist fertiggestellt: ein Raum ohne rechte Winkel, der wirkt, als sei er unter Baumwurzeln gegraben. Die Krypta gilt als eines der Meisterwerke Gaudís, viele Elemente der Sagrada Família hat er hier ausprobiert; hier wie dort beeindrucken die organischen Formen.

"Organisch, aber logisch! Gaudí hat mithilfe der Geometrie Natur erschaffen!" Hinter einer randlosen Brille leuchten Jordi Faulís enthusiastische Augen. Er ist einer der leitenden Architekten der Sagrada Família, ein liebenswürdiger, gedrungener Mann mit einem kurz geschorenen Bart, Antoni Gaudí bemerkenswert ähnlich, aber das ist vielleicht auch Einbildung. Seit 19 Jahren widmet Faulí sich der Fortführung von Gaudís unvollendetem Tempel. "Jeder Generation kommt darin eine Aufgabe zu: Unsere ist der Innenraum."

Vor den Computer-Animationen, Zeichnungen und Originalmodellen in einem Gebäude neben der gigantischen Kirchenbaustelle erklärt er, wie es in jahrzehntelangen Forschungen gelang, die Geheimnisse von Gaudís Entwurfstrategien zu entwirren, seinen Code zu knacken. Was aussieht wie gewachsen, an Erdpyramiden denken lässt, an Gesteinsformen, an Pflanzen, ist demnach Geometrie, Resultat der Manipulation immer gleicher Formen. "Gaudí hat das ganze Gebäude mit vier geometrischen Formen projektiert. Hyperboloid, hyperbolischer Paraboloid, Konoid, Helikoid." Gaudí begreifen – wie in Reus geht es auch hier darum, wenn auch auf unendlich höherer Ebene. Und aus praktischem Antrieb: Von den Plänen für die Sagrada Família ist kaum etwas erhalten; wer die Kirche "nach Gaudís Vorstellung" vollenden will, wie seine Nachfolger beteuern, muss herausfinden, wie er sie dachte.

Nur eine Fassade stand, als Antoni Gaudí an einem Junimorgen 1926 auf dem Weg in die Messe unter eine Straßenbahn geriet: ein alter Mann in so abgewetzten Kleidern, dass man ihn in ein Armenhospital brachte, bevor ihn jemand als den großen Architekten erkannte. In den zwölf Jahren davor hatte er mit obsessiver Ausschließlichkeit für seine Kirche gelebt. Er aß und schlief oft auf der Baustelle, ging jedermann um Geld an – er selber scherzte, Bekannte würden bei seinem Anblick die Straßenseite wechseln. Aus dem bei der Bourgoisie Barcelonas beliebten Architekten, der ihre Sehnsucht nach Besonderheit mit so einmaligen Kreationen wie der Casa Milà, der Casa Batlló oder dem Palau Güell bedient hatte, war in den Augen eben dieser Bürger eine seltsame Figur geworden. "Er geht abends nach Hause, betet und tut am nächsten Tag, wie die Jungfrau ihm geheißen", lästerte ein Kritiker.

Jordi Faulí sagt: "Gaudí tat nichts aus Willkür, er spielte nicht. Er war ein ernsthafter Mann." Er führt auf die Baustelle, wo die Arbeit so schnell vorangeht wie noch nie in der 127-jährigen Baugeschichte. Es kamen auch noch nie so viele Menschen und Mittel zum Einsatz: fast 200 Arbeiter, 18 Millionen Euro Jahresbudget, 30 Architekten. Als Jordi Faulí hier als junger Architekt anfing, waren sie zu dritt. Die Büros der Architekten liegen im Tiefgeschoss unter der Baustelle – Planen und Bauen, wie im Mittelalter findet hier alles an einem Ort statt, an der Forschung sind allerdings zwei Universitäten beteiligt, in Barcelona und in Melbourne. Finanziert wird das alles durch Spenden und die Besucher. Deren Zahl hat, seit Barcelona Olympiastadt war, von Jahr zu Jahr zugenommen, 2008 kamen 2,7 Millionen. Ihr Geldsegen ließ die Kirche unerwartet schnell wachsen, und je mehr von dem Bauwerk zu sehen ist, desto stärker wird wiederum die Faszination, die Faulí sich so erklärt: "Diese Architektur spricht die Menschen an, weil dahinter Natur steckt."

Barbara Baumgartner für das ADAC-Reisemagazin

Mehr über den Bau von Gaudis berühmter Kirche auf Seite 2

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